Aus unserer Reihe: Allgemeines Programm

Bosch, Erik

Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung

Ein Hand- und Arbeitsbuch

2004 , 208 Seiten

ISBN 978-3-87159-031-3

14.80 Euro

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Ohne falsche Scham entfaltet dieses Handbuch alle Facetten von Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Dieses Thema, das in der Praxis regelmäßig Ohnmacht und Hilflosigkeit hervorruft, wird hier aus emanzipatorischer Sicht behandelt: Menschen mit einer geistigen Behinderung können und sollen sich ihren eigenen Möglichkeiten entsprechend sexuell entfalten. Anhand von Beispielen aus der Praxis werden sowohl die Schwierigkeiten und Hindernisse wie auch die Chancen und Möglichkeiten ausführlich und klar dargestellt sowie die Konsequenzen für die Betreuung erläutert.

Dieses Buch richtet sich an alle, die mit Menschen mit einer geistigen Behinderung zu tun haben, insbesondere an die in diesem Bereich professionell Tätigen. Studierende der entsprechenden Fachrichtungen finden hier die Diskussionsgrundlage zum Thema, die auch Einrichtungen und Organisationen dazu anhalten wird, ihre diesbezüglichen Grundeinstellungen und Umgangsmodalitäten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Jedes Kapitel schließt mit Anregungen zur Diskussion und Aufgaben ab – das Gespräch kommt von selbst in Gang.

 

Leseprobe:

1. Einführung

In diesem Buch möchte ich meine Aufmerksamkeit dem Thema „Sexualität und Beziehungen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung“ widmen. Ich habe oft den Eindruck, dass auf diesem Gebiet große Unsicherheit herrscht, und dass die Sexualität und die Beziehungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Regel als Problem gesehen werden. Das zeigt sich in Tagesstätten, Schulen, Behindertenwohngemeinschaften und -einrichtungen sowie natürlich auch bei vielen Menschen mit einer geistigen Behinderung, die zu Hause bei ihren Eltern leben. Dabei finde ich es immer interessant zu sehen, wie die oben erwähnte Unsicherheit aussieht und wie die Menschen mit ihr umgehen.
In letzter Zeit fallen bei der Betreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung sehr häufig Begriffe wie Normalisierung, Integration, Emanzipation und Selbstständigkeit. Man spürt das Bedürfnis der Zuständigen, einen Standpunkt einzunehmen. Ich frage mich daher oft, welche Rolle diese vier Begriffe in der Begegnung mit Menschen mit einer geistigen Behinderung speziell auf dem Gebiet der Sexualität und Beziehungen spielen. Können diese Menschen in dieser Hinsicht wirklich ein normales Leben entsprechend ihrer Möglichkeiten führen, kommt ihr Recht auf Entfaltung auch auf sexuellem Gebiet zum Ausdruck und können sie eigene Entscheidungen darüber treffen? Gehen wir so gut mit ihnen um, dass wir sagen können: „So möchte ich auch, dass andere mit mir umgehen“?

Anhand von beispielhaften, alltäglichen Diskussionen und Problemsituationen möchte ich in diesem Buch gern näher auf die oben genannten Fragen eingehen.
Im zweiten Kapitel skizziere ich mit Hilfe einiger Problemsituationen aus der Praxis den Schwerpunkt dieses Buches. Dabei wird deutlich, wie viele offene Fragen es noch gibt, die einer Antwort bedürfen. Anschließend versuche ich die Faktoren aufzuzeigen, die meiner Meinung nach zu einem großen Teil für die Unsicherheit auf diesem Gebiet verantwortlich sind.
Ein wichtiger Faktor ist meines Erachtens das Fehlen eines eindeutigen und von allen mitgetragenen Standpunktes in Bezug auf die Sexualität und die Beziehungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Damit meine ich, dass alle Menschen innerhalb einer Organisation oder innerhalb der verschiedenen Umgebungen, in denen sich der Klient bzw. die Klientin aufhält, die gleiche Grundeinstellung haben sollten. Dies kommt sowohl den Klienten als auch den Mitarbeitern zugute.
Im dritten Kapitel beschreibe ich ein Bezugssystem, das als mögliche Richtlinie für den Umgang mit Menschen mit einer geistigen Behinderung gedacht ist. Ich sage bewusst: als mögliche Richtlinie. Diejenigen Leserinnen und Leser unter ihnen, die in Organisationen und Einrichtungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeiten, können anhand dieser Richtlinie ihre Grundeinstellungen überprüfen. Sie können das Material andererseits auch dazu nutzen, sich erst einmal eine Meinung in Bezug auf die Sexualität und die Beziehungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung zu bilden. Ich werde anschließend einen eigenen Vorschlag dazu machen.
In den nachfolgenden Kapiteln führe ich die im dritten Kapitel angerissenen Themen weiter aus und illustriere sie mit Beispielen aus der Praxis. So beschäftige ich mich im vierten Kapitel mit der Tatsache, dass die Ohnmacht und Unsicherheit auf dem betreffenden Gebiet oft mit unterschiedlichen Normen und Werten zusammen hängt. Es ist daher äußerst wichtig, dass uns unsere eigenen Normen und Werte bewusst sind. Im Zentrum des Kapitels steht die Fähigkeit, die eigenen Normen und Werte zu relativieren und sich, im Interesse des Klienten, nicht über ihn, sondern mit ihm auf eine Stufe zu stellen. Darüber hinaus stellt sich die zentrale Frage, inwiefern überhaupt die Normen und Werte der Klienten berücksichtigt werden, schließlich geht es letztendlich um ihr Wohlbefinden.
Im fünften Kapitel beschäftige ich mich mit den Implikationen des Ausdrucks „Verhaltensweisen und ihre Bedeutung“. Professionelles Arbeiten beinhaltet unter anderem die korrekte Interpretation von Signalen, auch der Signale auf dem Gebiet der Sexualität und der Beziehungen. Gelegentlich ist das jedoch ziemlich schwierig – was wird zum Beispiel durch Körperlichkeit ausgedrückt? Was will die andere Person von mir? Darüber hinaus gehe ich in diesem Kapitel auf die zentrale Bedeutung des Erlebens von Sexualität ein. Das Erleben kann sehr unterschiedlich ausfallen . Abschließend beschäftige ich mich mit der Frage, was Sexualität eigentlich beinhaltet.
Im sechsten Kapitel gehe ich auf die Bedeutsamkeit der sexuellen Aufklärung von Menschen mit einer geistigen Behinderung ein. „Sexuelle Aufklärung“ scheint ein weit gefasster Begriff zu sein, sie ist ein Teilbereich der Erziehung und des menschlichen Umgangs. Ich behandele nacheinander folgende Themen: „sexuelle Aufklärung als innere Grundhaltung“, die Vorstellungen vom Körper, Veränderungen während der Pubertät, Normen und Werte, die Entwicklung eines eigenen Bildes, die Fähigkeit, Grenzen zu setzen, sowie die Bedeutung von Konkretisierung und Visualisierung. Ferner kommen die Themen Selbstbefriedigung, Beziehungen, Empfängnisverhütung und Aids-Vorsorge, die niederländische Stiftung für alternative Partnervermittlung „Alternative Relatiebemiddeling“ und Pornografie zur Sprache. Es wird sich dabei zeigen, wie viel von der Offenheit der Betreuer abhängt.
Im siebten Kapitel geht es um sexuellen Missbrauch, ein Thema, das regelmäßig heftige Emotionen auslöst. Ich gehe unter anderem auf die Definition des Begriffs, auf das Vorkommen von sexuellem Missbrauch und die Betreuung des Opfers, des Teams und der Eltern ein. Darüber hinaus beschäftige ich mich auch mit der Bedeutung einer klaren Verfahrensanweisung, in der die Regeln im Umgang mit sexuellem Missbrauch und dem Verdacht hierauf, eindeutig beschrieben sind.
Die Eltern der Klienten fühlen sich häufig mitverantwortlich für die Betreuung ihres Kindes, und zwar zu Recht. Eltern und Betreuer sind aufeinander angewiesen, auch wenn es zwischen ihnen häufig zu großen Konflikten kommt. Zum Glück sind sich beide Parteien aber häufiger einig als ihnen selbst bewusst wäre. Im achten Kapitel widme ich mich dem Umgang mit den Eltern und Betreuern. Bei diesem Umgang kommt es sehr darauf an, aus welcher Perspektive man ihn betrachtet. Es stellt sich zum Beispiel die Frage, wie wir mit dem Klienten umgehen, wenn Eltern und Betreuer sehr unterschiedlicher Meinung hinsichtlich der Betreuung auf sexuellem Gebiet sind.
Das neunte Kapitel schließt das Buch mit einigen letzten Bemerkungen ab.

In diesem Buch gehe ich nicht auf die Frage nach dem Umgang mit einem möglichen Kinderwunsch von Menschen mit einer geistigen Behinderung ein. Und zwar nicht deshalb, weil ich dieser Diskussion aus dem Wege gehen will, sondern ganz im Gegenteil: Weil es sich hier um ein Thema handelt, das sehr viele (ethische und moralische) Fragen hervorruft und einen eigenen, umfangreichen Teil des Buches wert wäre. Dieses Thema erfordert mehr „Tiefgang“. Daher hoffe ich, zu einem späteren Zeitpunkt in einer gesonderten Studie über ethische Fragen in der Betreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung darauf zurückkommen zu können.

Dieses Buch richtet sich an alle, die sich eine eigene Meinung über die Sexualität und die Beziehungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung bilden möchten. Dabei denke ich an alle Personen, die in irgendeiner Weise mit Menschen mit einer geistigen Behinderung zu tun haben. Das können Schüler einer Berufs- oder Fachhochschule sein, die sich aus beruflichen Gründen mit Menschen mit einer geistigen Behinderung beschäftigen, aber auch Personen, die im sozialen Bereich für diese Menschen sorgen, in welcher Funktion auch immer. Natürlich denke ich auch insbesondere an die Eltern und Geschwister dieser Menschen, denn gerade bei ihnen wirft diese Problematik häufig viele Fragen auf.
Einrichtungen und Organisationen, die mit Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeiten, können mit Hilfe dieses Buches versuchen, ihre Grundeinstellungen und die sich daraus ableitenden Vorgehensweisen in Bezug auf die Sexualität und die Beziehungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung zu reflektieren und überprüfen. In diesem Sinne ist das Buch als Richtlinie und Diskussionsgrundlage gedacht.

Dieses Buch ist ein Praxis- und Diskussionsbuch, Theorie und Praxis wechseln sich in den Kapiteln so weit wie möglich ab. Am Ende eines jeden Kapitels finden die Leserinnen und Leser Fallbeispiele, Thesen und Rollenspiele, und die beschriebenen Situationen fordern sie zur Diskussion und Stellungnahme auf.


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