Aus unserer Reihe: Reihe 'Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung'

Nestmann, Frank, Günther, Julia, Stiehler, Steve, Wehner, Karin & Werner, Jillian

Kindernetzwerke

Soziale Beziehungen und soziale Unterstützung in Familie, Pflegefamilie und Heim

2008 , 216 Seiten

ISBN 978-3-87159-617-9

18.00 Euro

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„Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über eine lange vernachlässigte Perspektive –
die, des Kindes in seinen Netzwerken. Die einzelnen Beiträge bereichern den Fachdiskurs über
die Gestaltung der Lebenswelten der Kinder in verschiedenen Kontexten (Familie, Pflegefamilie,
Heim) in besonderer Weise; stellen differenziert und mit der nötigen Sensibilität Instrumente dar, deren Praxisrelevanz evident ist. Ein Buch, für Praxis und Theorie gleichermaßen unverzichtbar.“

(Eva Maria Schuster, socialnet.de)


KINDERNETZWERKE – ein auf dem viel beackerten Forschungsfeld sozialer Netzwerke bisher brachliegendes Terrain:

Welche sozialen Beziehungen haben Jungen und Mädchen und wie sehen ihre Netzwerke aus – in ihren Strukturen, ihren Qualitäten und ihren Funktionen?

 

Wir schauen aus den Augen der Kinder, die erzählen und offenbaren, ob und wie sie sich sozial eingebunden, unterstützt oder aber durch soziale Beziehungen belastet und beeinträchtigt sehen.

 

Heimkinder, Pflegekinder und Kinder in Herkunftsfamilien stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines DFG-Projekts, das versucht, die persönlichen Bindungen und sozialen Netze der Sechs- bis Zwölfjährigen differenziert zu erfassen, um einen besseren Einblick in ihre objektiven und subjektiven Beziehungswelten zu erhalten.

 

 

Über die HerausgeberInnen:

 

Frank Nestmann, Julia Günther, Steve Stiehler, Karin Wehner und Jillian Werner haben als Projektgruppe „Soziale Netzwerke im Kindes- und Jugendalter“ am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften der TU Dresden das DFG-Projekt „Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung von Kindern in Heimerziehung“ durchgeführt. Sie alle forschen, lehren und publizieren seit längerem über soziale Beziehungen, Netzwerke und soziale Unterstützung in unterschiedlichen Altersgruppen und Kontexten.

 

 

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Rezensionen:

Thema und Hintergrund
Das vorliegende Buch Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung, Band 17 der Deutschen Gesellschaft für Verhaltensstherapie stellt die Kindernetzwerke in den Mittelpunkt des Bandes der gemeindepsychologischen Reihe des dgvt- Verlags, einer Publikationsreihe, die im deutschsprachigen Raum die wissenschaftlichen und praktischen Netzwerkdiskurse entscheidend prägt.

Die hervorragende Bedeutung der sozialen Netzwerke für die Gestaltung der Lebenswelten und ihre präventive, protektive, kurative und rehabilitierende Wirkung sind seit mindestens einem Vierteljahrhundert etablierter Gegenstand von Forschung und Praxis. Umso mehr muss es verwundern, „… dass die Bedeutung sozialer Netzwerke für Aufwachsen und Sozialisation, für Identitätsbildung und für das Meistern entscheidender Lebensübergänge gerade in Kindheit und Jugend…“ erst verhältnismäßig spät in den Blick der Forschung genommen wurde (S.7). Begründet wird dies mit den erheblichen methodisch methodologischen Problemen und Herausforderungen der Messung und Erhebung. Gerade hierauf wurde im vorliegenden Band der Fokus gesetzt, indem in „…einem multidimensionalen Erhebungsansatz kindgerechte Netzwerk- und Unterstützungskonzepte auch forschungspraktisch in innovative Methoden…“ umgesetzt wurde (S. 8).

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft untersuchte die Arbeitsgruppe „Soziale Netzwerke im Kindes- und Jugendalter“ der TU Dresden Netzwerke sechs- bis zwölfjähriger Kinder aus Herkunftsfamilien, Heimen und Pflegefamilien. Diese vergleichende Analyse bezog sich auch die detaillierte Erfassung quantitativer und qualitativer „…bisher kaum beachtete Strukturmerkmale und Funktionsdimensionen kindlicher Beziehungssysteme…“ (S.8). Zentraler Mittelpunkt bildete die subjektive lebensweltbezogene Perspektive des Kindes.

Aufbau und Inhalt
Der erste Beitrag von Frank Nestmann und Karin Wehner arbeitet den Forschungsstand zur sozialen Netzwerk- und sozialen Unterstützungsforschung generell und bezogen auf Kinder und Jugendliche im Besonderen heraus. Schwerpunkte liegen hier auf „Soziale Netzwerke und Lebensalter“, indem wichtige biografische Lebensaltersdimensionen betrachtet werden; den Kinder- und Jugendlichennetzwerken und den sozialen Beziehungen in der Kindheits-, Jugend- und Heimerziehungsforschung. Die Befunde zeigen insgesamt, „… dass die Analyse von Strukturen, Qualitäten und Funktionen sozialer Beziehungen (…) eine wesentliche Dimension der Sozialisations- und Entwicklungsbedingungen von Kindern und Jugendlichen abzubilden vermag“ (S.31).

Karin Wehner und Jillian Werner widmen sich im zweiten Aufsatz der Welt der Kinder, „…die weitestgehend von Erwachsenen strukturiert und organisiert wird“ methodenkritisch „auf der Suche nach der Sicht der Kinder“ (S.41). Sie bemängeln, dass zwar viel über das Verhalten von Kindern bekannt ist, wenig aber über ihre Sichtweisen. Die Autoren resümieren die Entwicklung der Kindheitsforschung und deren Methoden über deren sozialisationstheoretische, entwicklungspsychologische, ethnologische, biographische und soziostrukturelle Ansätze hinaus, um zu verstehen, wie Kinder ihre Welt erleben und gestalten. Neben der Betrachtung der üblichen methodischen Vorgehensweisen arbeiten die Autoren die spezifischen Anforderungen an eine kindgerechte Empirie der Kindheitsforschung heraus Eingehend auf die Besonderheiten bei Untersuchungen mit Kindern wird die Frage nach der Perspektivität in der sozialwissenschaftlichen Forschung mit Kindern gestellt und die methodische Anlage und die Erhebungsverfahren erläutert, die für die Dresdner Untersuchung übernommen, adaptiert oder eigens entwickelt wurden. Trotz der methodischen Schwierigkeiten der Forschung mit Kindern wird betont, dass die Wahrnehmung, das Erleben, Denken, Fühlen und Handeln Gegenstand der Kindheitsforschung ist. Und es „…deshalb notwendig ist, Methoden so auszuwählen, dass sie dem Entwicklungsstatus der Kinder entsprechen und sie offen sind für die „Sinn- und Regelsysteme“ der Kinder (S. 56).

Der dritte Beitrag befasst sich im Rahmen des genannten Forschungsprojekts mit den persönlichen sozialen Netzwerke sechs- bis zwölfjähriger Kinder, die stationäre Erziehungshilfe in Heimen oder in Pflegefamilien erhielten oder in ihren Herkunftsfamilien leben und keine Hilfen zur Erziehung benötigen. Hauptziel der Untersuchung war die erstmalige Analyse der sozialen Netzwerke der genannten Gruppen. „Im Vordergrund stand dabei neben der Erfassung struktureller Netzwerkdimensionen die vergleichende Analyse qualitativer Netzwerkcharakteristika, indem die sozialen Unterstützungsleistungen, sozial kontrollierende und regulierende Effekte, aber auch Belastungen und Konflikte, die von für das Kind signifikanten Personen ausgehen, erhoben werden“ (S. 70). Bei dem Beitrag von Frank Nestmann, Julia Günther, Steve Stiehler, Karin Wehner und Jillian Werner handelt es sich um den leicht modifizierten Abschlussbericht für die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Neben dem Einblick in das Design der Untersuchung vermittelt der Aufsatz einen Überblick über die wichtigsten qualitativen und quantitativen Resultate. Ausgehend von den Netzwerkstrukturen und Beziehungsqualitäten bis hin zu kindlichen Formen der Veröffentlichungsbereitschaft, des Hilfeverständnisses und der Bewältigungsformen werden die Ergebnisse für die Vergleichsgruppen sichtbar.

Im vierten und fünften Beitrag des Bandes vertieft Julia Günther Kernpunkte der DFG-Studie. „In struktureller wie funktionaler Hinsicht unterscheiden sich die sozialen Kontakte zwischen Kindern von Beziehungen, die zwischen Erwachsenen und Kindern (…) bestehen“ (S. 103). Zum Ersten werden die Gleichaltrigen- und Freundschaftsnetze von Jungen und Mädchen analysiert und mittels bisheriger Forschung danach befragt, wie Kinder Freunde finden und die Unterstützung der Netzwerke wahrnehmen. Die Autorin ermittelt signifikante geschlechtsspezifische Profile, die kritisch diskutiert werden.

In einem weiteren Schritt widmet sich Julia Günther den bisher nur sehr peripher beforschten Netzwerkverbindungen von Pflegekindern. Die Ergebnisse der Studie lassen Ambivalenzen zentraler Ressourcen – z.B. Konfliktpotenziale von Pflege- und Herkunftsfamilien und den Beziehungen zwischen ihnen - deutlich erkennen und klären. Die unterstützende Bedeutung von Herkunftsfamilie, Wohnnachbarschaft und Schule wird nachdrücklich aufgezeigt. „Für das Aufrechterhalten sozialer Beziehungen sprechen ähnliche Argumente (…) räumliche Nähe zur Ursprungsfamilie, Vertrautheit und Wahrung einer lebensgeschichtlichen Identität“ (S133). Abschließend werden Organisations- und Handlungsvorschläge für ein lebensweltorientiertes und sozialräumlich orientiertes Pflegekinderwesen gegeben.

Die sozialen Netzwerke und die Beziehungsgestaltung von Kindern in Heimerziehung greift Steve Stiehler im sechsten Beitrag des Bandes auf. Eingangs diskutiert der Autor den zentralen Praxis- und Forschungsbereich im Rahmen aktueller und etablierter zentraler sozialpädagogischer Fragestellungen. Mittels qualitativer Einzelfallanalyse und Gruppenvergleichen kann Steve Stiehler einen spezifischen zivilgesellschaftlichen Status von Heimkindern verorten. „Wie die alltägliche Praxis der Jugendhilfe zweigt, haben Mädchen und Jungen (…) erstens eine Reihe von Erlebnissen im Bezug auf Ausgrenzung und Benachteiligung sowie Nichtwahrnehmung ihrer unmittelbaren Interessen erfahren (…) und zweitens verfügen sie selten über Kompetenzen zur Durchsetzung eigener Ansprüche gegenüber Institutionen und nehmen das soziale Klima (…) als belastend und zurücksetzend wahr“ (149). Die bedeutsamen Ressourcen Sozialraum, Lebenswelt und Bindungsklima werden in dieser Form erstmals empirisch rekonstruiert.

Der siebte und letzte Beitrag von Steve Stiehler und Jillian Werner beschreibt die Möglichkeiten mit Hilfe der „Dresdner Bewältigungsvignetten“ die Hilfesuch- und Bewältigungsstrategien von Kindern zu erfassen. Vignetten, die als Bildgeschichten oder Geschichtenanfänge konzipiert wurden, werden in ihrer Erhebung und Vorgehensweise ausführlich dargestellt. „Ausgangsüberlegung war, dass Netzwerkbeziehungen in ihrer Vielfältigkeit eine integrierende Qualität besitzen und damit einen wesentlichen Beitrag für das Wohlbefinden und zum Abpuffern von Bewältigungsanforderungen leisten“ (S.176). Die Autoren berichten über die Ergebnisse und Erfahrungen mit dem Instrument „Bewältigungsvignette“ und den Möglichkeiten zukünftig diese der deutschen Kindheitsforschung zur Verfügung zu stellen.

Fazit
Ziel des vorliegenden Bands ist es, „…über die Integration, der sonst eher distanzierten Forschungsstränge und Diskussionskulturen dazu beizutragen, Netzwerk- und Unterstützungskonzepte und -strategien für die Praxis der Fremdunterbringung fruchtbar zu machen wie andererseits die Netzwerk- und Supporttheorie und -empirie durch neue Einsichten in die (methodischen) Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer kindbezogenen Forschung zu bereichern“ (S.10). Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über eine lange vernachlässigte Perspektive – die, des Kindes in seinen Netzwerken. Die einzelnen Beiträge bereichern den Fachdiskurs über die Gestaltung der Lebenswelten der Kinder in verschiedenen Kontexten (Familie, Pflegefamilie, Heim) in besonderer Weise; stellen differenziert und mit der nötigen Sensibilität Instrumente dar, deren Praxisrelevanz evident ist. Ein Buch, für Praxis und Theorie gleichermaßen unverzichtbar.

Eva Maria Schuster, socialnet.de


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