Aus unserer Reihe: Reihe 'Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung'

Röhrle, Bernd & Laireiter, Anton-Rupert (Hrsg.)

Soziale Unterstützung und Psychotherapie

2009 , 680 Seiten

ISBN 978-3-87159-618-6

46.00 Euro

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„... ein wichtiger, grundlegender Beitrag für die Professionalisierung von Psychotherapie aber auch von Unterstützungsinterventionen im psychosozialen Bereich überhaupt“
(Klaus Fröhlich-Gildhoff, socialnet.de)



Dieses Buch widmet sich der Frage, welchen Einfluss soziale Netzwerke und soziale Unterstützung in der Psychotherapie ausüben. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung eines Verständnisses für das Zusammenwirken von formellen und informellen Hilfen, sondern auch um ganz konkrete Vorschläge, wie in der Psychotherapie mit sozialen Netzwerken förderlich umgegangen werden kann. Wer an einer ressourcenorientierten therapeutischen Arbeit interessiert ist, wird in diesem Buch fündig werden und sein therapeutisches Denken um neue Dimensionen erweitern können.

 

 

Über die Herausgeber:

 

Prof. Dr. Bernd Röhrle, Lehre und Forschung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie, Supervision. Approbierter Psychotherapeut (Verhaltenstherapie), Gesprächspsychotherapeut, anerkannter Supervisor und Ausbilder an diversen Ausbildungseinrichtungen für Verhaltenstherapie. Derzeit Sprecher des German Network for Mental Health. Publikationen über soziale Netzwerke und Unterstützung, Prävention und Gesundheitsförderung, psychosoziale Versorgung, Gemeindepsychologie.

 

Ass.-Prof. Dr. Anton-Rupert Laireiter, Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie, Klientenzentrierte Psychotherapie); Leiter der Beratungsstelle für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gesundheitspsychologie am FB Psychologie der Universität Salzburg; Lehrtherapeut und Supervisor für Verhaltenstherapie und Klinische Psychologie (AVM-Österreich); Mitglied in der „Expertengruppe für Österreichische Psychotherapieforschung“.

 

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Rezensionen:

„Das von Röhrle und Laireiter herausgegebene Buch ist das erste Werk, das systematisch und breit die Verbindung der Forschung (und Praxis) von Sozialer Unterstützung und Psychotherapie untersucht und diese aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Bei der Zusammenstellung des Bandes sind drei zentrale Aspekte für die Betrachtung dieser Verbindung leitend: Zum einen wird Soziale Unterstützung als Vor- und Rahmenbedingung für Psychotherapie betrachtet, zum zweiten wird untersucht, ob und in welcher Weise Soziale Unterstützung und Psychotherapie als Äquivalente anzusehen sind und zum dritten geht es darum, Soziale Unterstützung als Gegenstand und Zielbereich von Psychotherapie zu begreifen. Es geht also nach den Herausgebern „um die Verknüpfung zweier Felder, die bislang zumindest im Mainstream getrennt voneinander und damit auch theoretisch und fachlich als nicht miteinander assoziierte Bereiche behandelt worden waren“ (S.13). Demgegenüber wird als Grundsatz gesehen, dass „Soziale Unterstützung und Psychotherapie sich ein gemeinsames Feld [teilen] nämlich das der psychosozialen Hilfe und Unterstützung“ (ebd.). Die Betrachtung dieser Gemeinsamkeiten ist handlungsleitend für das Herausgeberwerk und diese Aspekte von psychosozialer Hilfe und Unterstützung werden in sehr unterschiedlichen Kontexten betrachtet. ...
Das Werk ist in fünf Hauptteile gegliedert: in diesen Teilen finden sich Beiträge aus einem breiten Spektrum von AutorInnen, sowohl aus dem Bereich der Psychotherapie als auch der Unterstützungs- und Netzwerkforschung. Dabei werden sowohl aktuelle Studien, als auch Metaanalysen, Konzepte sowie spezifische Trainingsprogramme präsentiert; grundsätzlich ist das Werk ist das Werk empirisch orientiert. Es würde den Rahmen der Rezension sprengen, alle Beiträge im Einzelnen vorzustellen, daher erfolgt entlang der Hauptteile eine gezielte Auswahl:

1. Einleitung und Grundlagen
Dieser Teil wird durch einen Einführungsartikel von Röhrle und Laireiter („Soziale Unterstützung und Psychotherapie: zwei eng vernetzte Forschungsfelder“) eingeleitet. Die AutorInnen stellen dabei einerseits die „vielen Facetten der Beziehung von Sozialer Unterstützung und Psychotherapie“ (S.17) wiederum sehr systematisch dar. Zum Anderen wird anhand von Studienergebnissen die „Relevanz des Feldes für Forschung und Praxis“ begründet.
Einer der weltweit bekanntesten Psychotherapieforscher, David Orlinsky, betrachtet den zentralen Wirkfaktor psychosozialer Interventionen, die psychotherapeutische Beziehung, unter der Fragestellung, welche Beiträge seitens der Therapeuten zu dieser Beziehung beitragen und welche Rolle dabei die „heilende Energie des Therapeuten“ spielt. Die Analyse mündet in einem Rahmenmodell von positiven Beziehungen, konstruktiver Kommunikation und Sozialer Unterstützung.
In einem weiteren Beitrag zeigen Daniel Gassmann und der (viel zu früh verstorbene) Klaus Grawe die Bedeutung der Ressourcenperspektive im Bereich der Psychotherapie, aber auch der psychosozialen Arbeit insgesamt, auf. Sie belegen ihre Aussage, dass sich die „wichtigsten sozialen Ressourcen [...] im sozialen Netzwerk (Partnerschaft, Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn, Vertreter helfender Berufe)“ finden, an Studienergebnissen und konkreten Beispielen. Als Fazit stellen sie fest, dass die Ressourcenperspektive sehr konsequent auch in der Ausbildung helfender Berufe integriert werden sollte.

2. Soziale Unterstützung und Psychotherapie: funktionelle Äquivalenz
Der zweite Hauptteil befasst sich mit dem Thema „Soziale Unterstützung und Psychotherapie: funktionelle Äquivalenz“.
Laireiter untersucht in seinem Beitrag sehr facettenreich „Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen sozialer Unterstützung und Psychotherapie auf der Ebene helfender Interventionen“ (S.123). Dabei ist bemerkenswert, dass Laireiter äußerst genau „therapeutisches Basisverhalten“ und „allgemeines Therapeutenverhalten“ dem „Unterstützungs-Basisverhalten und Grundhaltung sozialer Unterstützung“ gegenüberstellt – dieser Vergleich ist fundiert durch eine Zusammenstellung von sehr vielen Studienergebnissen. Deutlich werden auch die strukturellen, interaktionellen und funktionalen Unterschiede zwischen persönlichen und therapeutischen Beziehungen sorgfältig herausgearbeitet.
Matthias Hermer untersucht in seinem Beitrag „Soziale Netzwerke und die Qualität der therapeutischen Beziehung“. Dabei wird die Prediktorfunktion von sozialer Unterstützung, der therapeutischen Beziehung aber auch von Bindungsstrukturen herausgearbeitet. Der Schwerpunkt liegt auf der Interaktion von Netzwerken bzw. Netzwerkinteraktionen und Therapie. Aus den empirischen Resultaten werden Orientierungen für psychotherapeutische Praxis abgeleitet.

3. Die Bedeutung sozialer Netzwerke und Unterstützung für die Psychotherapie
Der dritte Hauptteil – „Die Bedeutung sozialer Netzwerke und Unterstützung für die Psychotherapie“ wird eingeleitet durch eine Metaanalyse von Röhrle und Janina Strouse zum Thema „Der Einfluss sozialer Netzwerke für den psychotherapeutischen Erfolg“. Die Autorin und der Autor haben nach einer sehr breiten und sorgfältigen, methodisch begründeten Auswahl 28 Studien identifiziert. Dabei ist das Gesamtergebnis eher „ernüchternd“: Es zeigt sich über die Einzelstudien hinweg eine geringe, allerdings „in jedem Fall nicht vernachlässigungswerte Effektstärke“ (S.289). Interessant ist die weitergehende Detailanalyse; so zeigt sich zum Beispiel, dass „die Behandlung von Abhängigkeitskranken augenscheinlich weniger stark durch Merkmale sozialer Netzwerke bzw. Unterstützung beeinflusst wird als die von depressiven Patienten“ (S.290).
Aus den verschiedenen Studien im dritten Teil ist die von Spinn, Laireiter und Sauer besonders beachtenswert, deren Ergebnis verdeutlicht, dass es während psychotherapeutischer Prozesse immer zu Interaktionen von professionellen, paraprofessionellen und informellen Helfersystemen einerseits und der Psychotherapie andererseits kommt; Psychotherapie-PatientInnen suchen auch während des psychotherapeutischen Prozesses in informellen oder extratherapeutischen (auch professionellen, z.B. medizinischen) Systemen bzw. Netzwerken Unterstützung.

4. Bedeutung von Psychotherapie für soziale Unterstützung und Beziehungen
Der vierte Hauptteil befasst sich mit der „Bedeutung von Psychotherapie für soziale Unterstützung und Beziehungen“.
Dieser Teil wird eingeleitet von einem Beitrag des Psychotherapieforschers Mike J. Lambert und seinen Kollegen Vermeersch und Chesley. Ausgehend von Untersuchungen, dass bei einem geringen Teil (5–10%) aller Patienten die eine psychotherapeutische Behandlung beginnen, sich das Befinden im Verlauf der Behandlung verschlechtert und darüber hinaus ein Teil der PatientInnen (ca. 30%) nur einen geringen oder keinen Gewinn aus der Behandlung zieht, werden Strategien analysiert um ein positives Ansprechen auf die Behandlung zu verbessern. Dabei wird dem Faktor der wahrgenommenen sozialen Unterstützung offensichtlich eine hohe Bedeutung beigemessen. So können gezielte Strategien zur Verbesserung der Wahrnehmung sozialer Unterstützung aber auch reale Unterstützungsinterventionen zur Verbesserung der Therapieergebnisse beitragen.

5. Netzwerk- und unterstützungsbezogenen Interventionen
Der fünfte Hauptteil befasst sich mit netzwerk- und unterstützungsbezogenen Interventionen.
Dabei plädiert Frank Nestmann in seinem Beitrag „Netzwerkinterventionen und Supportförderung – ein Plädoyer für die Praxis“ dafür, stärker auf praktischer Ebene Interventionen zu realisieren. Es gibt eine Tradition der Netzwerkforschung, zum Teil auch in Deutschland, allerdings ist eine systematisch evaluierte Netzwerk-Interventions-Praxis nur rudimentär entwickelt. Sehr hilfreich sind in diesem Beitrag die von Nestmann auch empirisch begründeten „Maximen für die Interventionspraxis“ (S.610ff.), die als Qualitätsstandards gelten können.
Der Beitrag von Lenz und Röhrle fokussiert die Netzwerkthematik auf die Anwendung im Bereich der Trennungs- und Scheidungsberatung.

Es ist ein großes Verdienst der HerausgeberInnen, die Verbindung von Sozialer Unterstützung und Psychotherapie durch eine Vielzahl von grundlegenden Beiträgen und Studienreporten sehr systematisch zu verfolgen. Mit diesem Ansatz wird ein Beitrag dazu geleistet, die Dekontextualisierung von Psychotherapie aufzuheben und der engen Fixierung auf Interventionsmethoden eine Betrachtung der wichtigen Kontextbedingungen sozialer Unterstützung bzw. sozialer Netzwerke gegenüberzustellen. Rahmenbedingungen – wie eben Soziale Unterstützung – werden in diesem Sinne nicht als Störvariablen betrachtet, sondern als originäre Einflussbedingungen auf den psychotherapeutischen Prozess. Das Buch hat eine starke empirische Orientierung: es wird zum Einen der internationale Forschungsstand in verschiedenen Beiträgen aufbereitet und der manchmal existierende Mythos hilfreichen Verhaltens – in professionellen aber auch freundschaftlichen Beziehungen – auf der Grundlage empirischer Daten betrachtet. Einige Beiträge wirken etwas Verhaltenstherapie-lastig, was auch am Forschungsparadigma der Verhaltenstherapie liegen mag. Hier wäre es wünschenswert gewesen, noch breiter auf andere Psychotherapietraditionen zurückzugreifen.
Insgesamt ist das Werk von Röhrle und Laireiter in jedem Fall ein wichtiger, grundlegender Beitrag für die Professionalisierung von Psychotherapie aber auch von Unterstützungsinterventionen im psychosozialen Bereich überhaupt. Dieses Buch ist ausgezeichnet für die Ausbildung in ‘helfenden’ Berufen zu nutzen (PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, PädagogInnen…). Einzelne Beiträge können für PraktikerInnen als Handlungsorientierung dienen.“

Klaus Fröhlich-Gildhoff, socialnet.de


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